Montag, 17. Oktober 2011, 19 Uhr, Stadthalle Neustadt an der Waldnaab:
I
Auf Einladung der Volksbank der Region treffen sich Wissenschaftler, Politiker, Firmenvertreter, Bürgerinnen und Bürger, um den Stand des Projekts Energieautarkes Nordostbayern mittels einer Art Werkstattbericht, wie Professor Dr. Manfred Miosga von der Uni Bayreuth in seinem Vortrag bzw. Bericht formuliert, zu ermitteln und mit den Anwesenden zu diskutieren. Auf dem Podium v.l.n.r. der Einladende Gerhart Ludwig, Vorstandsvorsitzender der Volksbank Nordoberpfalz e.G., die Landtagsabgeordnete Annette Karl - sie erweist sich in ihren Beiträgen als engagierte Unterstützerin des Projekts auf regionaler und gesamtstaatlicher Ebene, Professor Brautsch von der Hochschule für angewandte Wissenschaften Amberg-Weiden, Professor Dr. Manfred Miosga, Universität Bayreuth, Oberbürgermeister Seggewiss, kreisfreie Stadt Weiden - er kündigt u.a. an, dass die Stadtwerke Weiden ab Mai 2012 in die Stromerzeugung und -verteilung einsteigen werden, Landrat Wittmann, Neustadt an der Waldnaab, Landrat Lippert, Tirschenreuth. Der Saal ist proppenvoll. Das Interesse am Thema offenbar nicht nur bei Fachleuten riesengroß. Es geht u.a. darum nachzuweisen, dass der Weg, der in den Medien von interessierter Seite den Leuten immer wieder ausgemalt wird, dass nämlich die Energiewende riesige Netzkosten verursacht, wenn von Off-Shore-Windkraftanlagen in der Nordsee einst der saubere Strom ins Landesinnere geleitet werden soll, dass dieser Weg für viele Regionen im Land der falsche Weg ist. Der womöglich nur die Macht der Großkonzerne im Energiesektor in alle Zukunft festschreiben soll. Was Not tut und machbar ist, das ist Dezentralisierung, Streuung der einzelnen Energieproduktionsstätten... Wie es in Österreich das Burgenland, so Professor Brautsch, schon erfolgreich vorgemacht hat. Das Burgenland "exportiert" inzwischen sogar in ihm produzierten, sauberen Strom in die Bundeshauptstadt Wien.
In Bayern gibt es allerdings noch immer Hemmnisse, etwa bei der Genehmigung von Windkraftanlagen. Natürlich sind solche Anlagen nur im Konsens mit den Bürgerinnen und Bürgern vor Ort zu installieren. Aber selbst, wenn dieser Konsens nachweislich da ist, wie ein Diskussionsredner sehr anschaulich darstellt, verhalten sich die Behörden und Landratsämter bei der Genehmigung, um es vorsichtig zu sagen, sehr zurückhaltend. Ob das etwas zu tun hat mit der nach wie vor, gerade hierzulande, starken Atomlobby? Trotz erklärtem Ausstieg aus der Atomkraft, der Energiewende? Man schiebt Argumente bzw. Gesetzesbestimmungen vor wie: die Windkraftanlagen gefährdeten die Schwarzstörche. Die Statistik sagt, dass bisher ein Schwarzstorch (bundesweit) durch ein Windrad umgekommen ist, so ein Diskussionsredner. Wer aber hat die Schwarzstörche gezählt, die an den großen Überlandleitungen zu Tode kamen. Für die scheint sich der Gesetzgeber weniger zu interessieren. Der Verdacht einer einseitig interessengeleiteten Gesetzgebung, zum Nachteil etwa der Energiegewinnung mittels Windkraft, lässt sich nicht von der Hand weisen.
II
Im September 2010 hat sich die Arge Energiewende Nordostbayern gegründet. Regional aus Oberfranken-Ost und Landkreisen bzw. kreisfreien Städten der Nordoberpfalz. Die Motive sind nicht nur energiepolitischer Art - sehen, ob man die Energiewende in der eigenen Region hinbekommt, und wie lange das etwa dauert. Nein, auch wirtschaftspolitisch sind die Bemühungen sinnvoll. Man will dem Trend von Bevölkerungsschwund - wegen Abwanderung - und Arbeitsplatzverlusten positiv etwas entgegensetzen. Immerhin zeigt sich seit einigen Jahren, dass der Ausbau der erneuerbaren Energien in der Lage ist, Arbeitsplätze zu generieren, wie das neudeutsch heißt, also zu schaffen, hervorzubringen. Das heißt, die Energiewende ist in der Lage, zum wirtschaftlichen Aufschwung der Region erheblich beizutragen. Dies betont auch der Einladende zu diesem Abend, der Vorstandsvorsitzende der Volksbank Nordoberpfalz eG, Gerhard Ludwig, und unterstreicht dabei zugleich das Selbstverständnis seines Instituts, das seine Rolle eben hauptsächlich bis ausschließlich darin sieht, Firmen und Unternehmungen und die Bürgerinnen und Bürger in der Region bei ihren Projekten zu unterstützen.(Das ist ungefähr das Gegenteil einer Politik, die bei der Bayerischen Landesbank betrieben wurde, wo u.a. abgehalfterte Politiker auf lukrativen Austragsposten meinten, weltweit agieren zu müssen und sich dabei mit Milliarden verzockten, für die nun der Steuerzahler einzustehen hat.)
III
Daneben allerdings gibt es ganz klar eine strukturpolitische Zielsetzung der Arge Energiewende Nordostbayern. Sie lässt sich in einer Gegenüberstellung klarmachen. Auf der einen Seite stehen die Merkmale traditioneller Energieversorgung. Sie lauten: auf Nutzung der Atomenergie bzw. fossiler Brennstoffe beruhend; den Markt teilt sich im wesentlichen ein Oligopol der 4 bekannten Großversorger E-on, RWE, EnBW sowie Vattenfall, d.h. die Versorgung geschieht zentralisiert. Wenige Produzenten von Energie haben sich das Land aufgeteilt. Damit ist der Wettbewerb auf diesem Markt eingeschränkt bzw. verunmöglicht. Das vierte Merkmal dieser Struktur wird mit dem englischen Begriff top-down bezeichnet: die Entscheidungen auf diesem Sektor werden von oben nach unten gefällt.
Dieser Struktur steht die andere entgegen, die von der Arge Nordostbayern angestrebt wird. Sie ist mit den Begriffen erneuerbar, dezentral, verstreut sowie bottom up zu kennzeichnen. Über 50 Prozent der heute produzierten Energie aus erneuerbaren Quellen befindet sich in der Hand sogenannter kleiner Leute. Mit den Fördermaßnahmen des EEG (des ErneuerbareEnergienGesetzes von 2000, das, wie der Fernsehjournalist Franz Alt sagt, inzwischen von 27 Staaten auf der Erde übernommen worden ist) gelangt die Förderung vor Ort. (Landet also nicht etwa bei einem Großinvestor in Hamburg oder Düsseldorf, den die Region, für sich genommen, herzlich wenig interessiert, der hauptsächlich an den Gewinnerwartungen für seine Investition inteessiert ist.) Das Geld fließt in die Region und stärkt hier die Wirtschaftskraft. (Die sich multiplizierenden Sekundäreffekte solcher Investionen sind bekannt.) Andererseits: der Landrat Wittmann verweist auf gewisse Vorverträge auswärtiger Investoren, an denen man nicht so ohne weiteres vorbei könne. Er verweist aber auch auf die Potenziale, die im Energiesparen(Haus- und Wohnungsbau, Verkehr usw.) liegen.
IV
Die Potenziale der erneuerbaren Energien werden von den Fachleuten auf dem Podium folgendermaßen für die Region eingeschätzt: Windkraft 70-fach, Solar 3-fach (was auch bedeutet, dass hier schon viel geschehen ist), Geothermie 20-fach. Ingesamt wird das Gesamtpotenzial als doppelt so hoch wie der Bedarf eingeschätzt. Für 2030 hält man die Vollversorgung der Region aus erneuerbaren Energien für möglich. Dezentrale Speicher haben die Aufgabe, die unterschiedlichen Spitzen zwischen Produktion und Verbrauch auszugleichen. Für die Speicherung kann auch die Reliefenergie der Landschaft genutzt werden. Auch andere Methoden der Speicherung momentan nicht genutzter Energie, wie zum ersten Mal gerade in Mecklenburg-Vorpommern mittels Wasserstoff, werden vielleicht erprobt werden.
V
Für den Verfasser ganz persönlich war interessant, dass Prof. Dr. Manfred Miosga, der zusammen mit Prof. Brautsch den Werkstattbericht lieferte und anschließend mit Übersicht, Einfühlung, sprachlicher Gewandtheit und feinem Humor auch die Diskussion moderierte, in der Pause der Veranstaltung sich als sein ehemaliger Schüler Ende der 70-iger Jahre an einem Münchener Gymnasium herausstellte. Das freute das pensionierte Lehrerherz! Und auch der ehemalige Schüler schien sich zu freuen, seinen einstigen Deutschlehrer nach dreißig Jahren wiederzusehen. Zumal er später an der TU München u.a. ein akademischer Lehrer der zweiten Tochter des Verfassers war... Wie sich doch die Wege kreuzen.
